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Kinder ohne Bindung

27.10.2004 - (idw) Klinikum der Universität München

Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung nicht nur eine ausreichende Ernährung, sondern auch Bindungspersonen, die für ihre emotionalen Bedürfnisse verfügbar sind. Bei Säug-lingen hat eine Vernachlässigung dieser emotionalen Bedürfnisse unter anderem eine Schädigung der Hirnreifung zur Folge. In ihrer weiteren Entwicklung zeigen diese Kinder schwere Bindungsstörungen. "Kinder ohne Bindung" sind das Thema bei einer internationalen und interdisziplinären Konferenz (Leitung: Dr. Karl-Heinz Brisch), die das Dr. von Haunerschen Kinderspital am Klinikum der Universität München in Zusammenarbeit mit der Internationalen Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation und der Theodor-Hellbrügge-Stiftung München veranstaltet am

29. Oktober ab 14 Uhr
und am 30. Oktober ab 9 Uhr
Hörsaal III und IV - Hörsaaltrakt Großhadern
am Klinikum der Universität München
Marchioninistraße 15
81377 München

Unter den Referenten ist einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet, Professor Sir Michael Rutter, vom Kings College in London. Der Wissenschaftler bekommt im Rahmen der Konferenz, zu der mehr als 500 Teilnehmer erwartet werden, den Arnold-Lucius-Gesell-Preis für sein wissenschaftliches Lebenswerk.

Die klassischen Studien über die psychische Deprivation (R.A. Spitz, W. Goldfarb, J. Bowlby u.a.) aus den vierziger und fünfziger Jahren wiesen häufig darauf hin, dass Kinder, die in einer stimulans- und besonders gefühlsarmen Umgebung aufwuchsen, bestimmte spezifische Abweichungen in ihrer intellektuellen und charakterlichen Entwicklung aufwiesen. Die Prognose dieser Abweichungen galt als ungünstig. Man war der Meinung, dass praktisch alle Kinder, die dem Einfluss dieser ungünstigen Umgebung ausgesetzt waren, geschädigt wurden und dass diese Schädigung eine einheitliche Wirkung hat. Häufig sprach man daher vom Deprivationssyndrom. Neuere Studien aus den fünfziger und sechziger Jahren zeigten jedoch, dass die Folgen der Deprivation bei Weitem nicht so einheitlich sind, wie man angenommen hatte und dass eine Besserung nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich sei, fängt man mit ihr rechtzeitig und mit Rücksicht auf den individuellen Charakter eines jeden Falles an. Es zeigt sich, dass viele Kinder das Heimmilieu ohne bemerkbare Entwicklungsabweichungen vertragen und dass diejenigen, bei denen Abweichungen auftreten, in neuen Lebenssituationen (wie z. B. Adoption), wie auch bei verschiedenen therapeutischen Bemühungen sehr unterschiedlich reagieren. Aus diesen Beobachtungen kann man schließen, dass Kinder sich selbst unter einheitlichen Deprivationsbedingungen individuell entwickeln. Trotzdem kann man jedoch bei einem detaillierten Vergleich der Entwicklung einzelner Kinder unter Heimbedingungen bestimmte auffallende Züge erkennen, die dem Verhalten der deprivierten Kinder gemeinsam sind. Man spricht deswegen also nicht mehr von einem Deprivationssyndrom, sondern versucht, einzelne "Verhaltenstypen" zu finden, die eine Wechselwirkung bestimmter typischer Persönlichkeitsmerkmale des Kindes mit typischen Charakteristika seiner Lebensumgebung aufweisen.
Die psychische Deprivation bietet kein einheitliches Bildes handelt sich nicht um das Symptom einer Krankheit. Es ist ein Faktor, der immer in der Interaktion mit der Persönlichkeit des betroffenen Kindes auftritt, wobei die schützenden Elemente in dieser Persönlichkeit im größeren oder kleineren Maße anwesend sind. Sie werden primär wahrscheinlich genetisch gegeben und unter normalen Umständen durch die Erziehung des Kindes in einer gut funktionierenden Familie gestärkt, kultiviert und trainiert. Daher ein so vielseitiges Bild der Reaktionen einzelner Menschen auf die psychische Deprivation. Die psychische Deprivation kann nicht das auflösen, zerstören oder auslöschen, was genetisch gegeben wurde, sie unterdrückt, schwächt, hemmt das, was die Erziehung vollzieht - die Deprivation hindert jene protektiven Kräfte, ihre Funktion anzunehmen und sie genügend zu entwickeln.
Da die psychische Deprivation kein einheitliches Bild bietet, kann man auch kein einheitliches Ergebnis der Hilfs-oder Stützmaßnahmen erwarten. In der Lebensumgebung, vom Kinderheim bis zur Adoption und der individuellen Familienpflege existiert immer ein gewisses (kleiner oder größer und qualitativ unterschiedlich) latentes Angebot zur Hilfe, die sowohl das Kind als auch später der Erwachsene durch sein eigenes "entgegenkommendes" Verhalten aktivieren kann. Dieses Angebot kann allerdings gelenkt und dadurch viel effektiver ausfal-len, wenn die psychische Deprivation besser verstanden wird und wenn man über ihr Verarbeiten durch das Kind und anschließend durch den Erwachsenen besser Bescheid weiß.
Wenn durch die frühe Erfahrung von Deprivation und Traumata wie Verluste, Trennungen, Gewalt Kinder in ihrer psychischen Entwicklung aber etwa Bindungsstörungen, autistischen Symptomen und Störungen der Aufmerksamkeit oder der motorischen Unruhe entwickeln, benötigen sie intensive psychotherapeutische Behandlung, um die Folgen der führen Schädigung im Hinblick auf die Entwicklung des Gehirns und der ganzen Persönlichkeit begrenzen zu können. Weiterhin müssen die Adoptiveltern und die Pflegepersonen solcher Kinder eine konstante Beratung und pädagogisch-therapeutische Begleitung erhalten, damit sie entwicklungsfördernd mit den Symptomen dieser Kinder im Alltag umgehen können.

Weitere Informationen zur Konferenz gibt es bei Dr. Karl-Heinz Brisch, Leiter der Pädiatrischen Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital, Kin-derklinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Telefon 089/ 5160-3954 oder email: Karl-Heinz.Brisch@med.uni-muenchen.de

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