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Neubewertung der deutschen Ostsiedlung

27.10.2004 - (idw) Universität Leipzig

Historikertagung im sächsischen Wurzen (29.-31.10.2004, Altes Rathaus) stellt den Landesausbau im Mittelalter in einen europäischen Rahmen.

Historiker aus dem gesamten Bundesgebiet diskutieren am Wochenende (29.-31. Oktober) im sächsischen Wurzen über "Eine Welt im Umbruch - Sachsen im Zeitalter der Ostsiedlung". Am 22. November 1154 hatte Bischof Gerung von Meißen eine Urkunde ausgestellt, in der er Einwanderern aus Flandern das sächsische Dorf "Coryn" (heute: Kühren) übergibt und den Siedlern besondere Rechte verleiht. Nahezu 850 Jahre später kommen im Alten Rathaus zu Wurzen rund 100 Wissenschaftler zusammen, um über die Folgen der Ostsiedlung und des Landesausbaus im Leipziger Land zu diskutieren.

"Die Urkunde gehört zu den zentralen Quellenzeugnissen der deutschen Ostsiedlung, welche im hochmittelalterlichen Aufbruch Europas einen herausragenden Platz einnimmt", sagt Tagungsleiter Prof. Dr. Enno Bünz vom Historischen Seminar der Universität Leipzig. Mit der Veranstaltung möchte Bünz, der auch geschäftsführender Direktor des in Dresden ansässigen Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde ist, gleichzeitig auf eine Forschungslücke aufmerksam machen.

Die so genannte Ostsiedlung sei ein komplexer Vorgang von Mission, Herrschaftsbildung, Städtegründung und Landesausbau gewesen, der die Landschaften zwischen Elbe und Oder tiefgreifend verändert habe. In die von Slaven besiedelten Landschaften Mecklenburgs und Pommerns, Brandenburgs und Sachsens drangen im Laufe des 12. Jahrhunderts deutsche, flämische und niederländische Siedler ein. Im 13. Jahrhundert erfasste die Ostsiedlung auch das weiter östlich gelegene Preußenland, Schlesien, Polen, Böhmen und Ungarn.

Die Ostsiedlung war nach Expertenmeinung ein zentraler Vorgang der mittelalterlichen Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, aber auch der werdenden Staaten Ostmitteleuropas. "Während die ältere Forschung die so genannte Ostkolonisation als deutschen 'Drang nach Osten' missdeutet und als eine nationale 'Großtat des deutschen Volkes' verklärt und ideologisch überhöht hat, ordnet die neuere Forschung die Ostsiedlung in den europäischen Kontext des Landesausbaus ein und betont stärker den Prozess des kulturellen Austausches zwischen Deutschen und Slaven im Mittelalter", erklärt Prof. Bünz.

Der Forschungsstand in Sachsen beruhe auf den Arbeiten von Rudolf Kötzschke, Herbert Helbig und Walter Schlesinger, die an der Universität Leipzig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grundlegendes geleistet hätten. Die Tagung knüpft an diese Arbeiten an und möchte neue Forschungsansätze zur Diskussion stellen und für die landesgeschichtliche Forschung fruchtbar machen. Zudem soll sie den zentralen Vorgang der Ostsiedlung, der die Gestalt Mittel- und Ostdeutschlands und Ostmitteleuropas nachhaltig verändert hat, wieder in das Bewusstsein einer historisch interessierten Öffentlichkeit rücken. Die wissenschaftliche Konzeption der Tagung verbindet übergreifende Fragestellungen wie die Ostsiedlung im europäischen Rahmen mit landesgeschichtlichen Forschungsansätzen.

tdh


Weitere Informationen:
Prof. Dr. Enno Bünz
Telefon: 0341 97-37082
E-Mail: buenz@rz.uni-leipzig.de
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