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Zivilisationsforscher neuer Leibniz-Professor

02.11.2004 - (idw) Universität Leipzig

Prof. Dr. Johann P. Arnason, geboren in Island und tätig in Australien, ist der 20. Leibniz-Professor am Zentrum für Höhere Studien (ZHS) der Universität Leipzig, das jetzt mit mehreren Veranstaltungen sein 10-jähriges Bestehen feierte. Seine Antrittsvorlesung hielt der Experte in vergleichender Zivilisationsforschung im Alten Senatssaal der Universität zum Thema ''Die Fragestellung der Zivilisationsanalyse. Zwischen vergleichender Forschung und polarisierender Ideologie''. Arnason wollte sie verstanden wissen als ''Plädoyer für einen pluralistischen Zivilisationsbegriff''. Er wandte sich gegen die Ansicht, man könne den ''Krieg gegen den Terrorismus'' als Kampf zwischen Zivilisationen sehen und kritisierte dabei auch einzelne Thesen des US-Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington, der in aller Welt bekannt geworden ist mit seinem Buch ''Clash of Civilizations'' (deutscher Titel: ''Kampf der Kulturen'').
Der Prorektor für strukturelle Entwicklung, Prof. Dr. Peter Wiedemann, hatte Arnason zuvor an der Universität willkommen geheißen. Arnasons Arbeit gelte einem ''hochaktuellen Forschungsschwerpunkt, der auch einer der Forschungsschwerpunkte der Universität ist'', betonte er. Prof. Dr. Johann Arnason ist seit kurzem Emeritus der La Trobe University in Melbourne, Australien. Er gilt als Protagonist einer Schule, die mit dem Theorem der ''multiple modernities'', unterschiedlichen Wegen von Nationen und Zivilisationen in die Moderne, weltweit Beachtung gefunden hat.
Professor Arnason war lange Jahre in Deutschland tätig. 1970 promovierte er an der Universität Frankfurt in Soziologie bei Jürgen Habermas. 1975 folgte die Habilitation an der Universität Bielefeld. 1979 war er Gastprofessor am Max-Planck-Institut für die Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. In Leipzig weilte Arnason erstmals kurz nach dem Mauerbau 1961. Damals studierte er in Prag und besuchte isländische Freunde in der Messestadt. Der Soziologe ist in Island geboren und spricht sechs Sprachen fließend.

Die Leibniz-Professur ist am Zentrum für Höhere Studien angesiedelt. Mit ihr verfolgt die Universität das Anliegen, interdisziplinäre Forschung und Graduiertenausbildung zu befördern und gleichzeitig internationale Kontakte zu vertiefen. Es handelt sich um eine semesterweise neu mit einer oder einem führenden Gelehrten zu besetzende Forschungsprofessur, die zugleich mit der Verpflichtung verbunden ist, Lehrveranstaltungen durchzuführen. Prof. Dr. Johann Arnason wird dienstags eine Vorlesung zu ''Gesellschaftstheorie und Zivilisationsvergleich'' halten und donnerstags ein Kolloquium anbieten mit dem Titel ''Multiple Modernities. Ostasien und der Westen im Vergleich''.

Führende Position in der Nachwuchsausbildung und Selbstverständigung über ''Elite''
Die Antrittsvorlesung des neuen Leibnizprofessors war aber nur ein Punkt des Festprogramms zum zehnjährigen Bestehen des ZHS. Eine Podiumsdiskussion zum Internationalen Promotionsprogramm verdeutlichte, dass die Universität Leipzig bei der strukturierten Doktorandenqualifizierung eine führende Position einnimmt. Mit drei Internationalen Promotionsprogrammen, eines in der Fakultät für Chemie und Mineralogie, zwei am ZHS, ist die Universität Leipzig nach Göttingen die erfolgreichste deutsche Universität in diesem Wettbewerb.
Eine weitere Podiumsdiskussion, dem Thema Elitenbegriff und Spitzenuniversitäten im Wandel gewidmet, unterstrich, dass sich die Universität hier neben der schon angesprochenen Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses vor allem auf Exzellenzcluster in der Forschung, und zwar in Kooperation mit weiteren Forschungseinrichtungen Leipzigs, konzentrieren wird. In der Diskussion wurde aber auch betont, dass Forschung allein keine Spitzenuniversität ausmachen könne. Ein wichtiger Maßstab liege auch in einer exzellenten Lehre, wie sie z. B. in einer günstigen Absolventen-, einer niedrigen Abbrecherquote und in der Einhaltung der Regelstudienzeit zum Ausdruck komme. Gerade hier leiste die Universität trotz des international gesehen unbefriedigenden Zahlen-, d. h. Betreuungsverhältnisses von Professor zu Student sehr Beachtliches. Mit dem Blick auf die Studienreform wurde gesagt, es müsse auch Tendenzen einer ritualisierten, zwar didaktisch gut aufbereiteten, aber letztlich schematisierten Ausbildung begegnet werden, da sie nicht zu den besten und das heiße auch autonom denkenden Studierenden führe. Eine Schlussfolgerung der sehr anregenden Debatte war die Formulierung einer Hausaufgabe: Wenn der Elite-Wettbewerb eine nachhaltige Wirkung an der Universität zeitigen soll, wird diese nicht umhin kommen, zu einer eigenen Definition von Spitzenuniversitäten zu kommen, um darauf aufbauend eine wirkliche Bewegung an der Universität auslösen zu können.

Disziplinenübergreifende Forschung und Lehre
Die eigentliche Festveranstaltung zum 10. Jahrestag des Zentrums für Höhere Studien erinnerte daran, das seine Gründung auf einen Vorschlag des viel zu früh verstorbenen Kirchenhistorikers Kurt Nowak aus dem jahr 1990 zurückging, der von den Erfahrungen mit der Pariser Ecoles des Hautes Etudes inspiriert war. Damit sollten die Verkrustungen einer durch die DDR-Wissenschaftspolitik geprägten Hochschule aufgebrochen und es sollte gleichzeitig auf ein Strukturdefizit im deutschen Hochschulwesen generell reagiert werden. Tatsächlich vollzogen wurde dann 1994 die Gründung eines Zentrums für Höhere Studien aber nicht als eine selbstständige Fakultät neben den inzwischen existierenden 14 Fakultäten, sondern als eine zentrale Einrichtung, die Mitglieder der Fakultäten zusammenbringen und gemeinsame Arbeit ermöglichen sollte. Mit einem Gastwissenschaftlerprogramm und der Einrichtung einer semesterweise wechselnden Leibniz-Professur wurde der Auftakt vollzogen.

Das Fazit der Arbeit des ZHS, das jetzt zu ziehen ist und wie es von Rektor Prof. Dr. Franz Häuser auf der Festveranstaltung in einem Grußwort auch gezogen wurde, kann umfassender ausfallen: ''Das Zentrum für Höhere Studien'', so sagte er, ''trägt der Tradition der Leipziger Universität im Bereich disziplinenübergreifender Forschung und Lehre in besonderer Weise Rechnung und gibt ihr einen auf Dauer gestellten strukturell-organisatorischen Rahmen.'' Nach dem Verweis darauf, das inzwischen andere Hochschulen ebenfalls Zentren nach dem Leipziger Muster einrichten, betonte er: ''Das ZHS verkörpert ein Experiment, das es so in den deutschen Hochschulen bisher nicht gegeben hat: Leipzig hat eine Overlay-Struktur zur Gliederung in 14 Fakultäten entwickelt. Man kann dem ZHDS zu den Erfolgen der letzten zehn Jahre gratulieren - dies ist eine der erfreulichen Aufgaben, zu denen ein solches Jubiläum Anlass gibt.''


V.S./C.H.


Weitere Informationen:
PD Dr. Matthias Middell
Telefon: 0341 97-30230
E-Mail: middell@uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~zhs

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