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Das Unplanbare bewältigen - Neue Anforderungen in der Arbeitswelt

12.11.2004 - (idw) ISF München - Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.

Alles in einem Unternehmen planen zu können, diese Vorstellung erweist sich als illusionär. Arbeitskräfte müssen zunehmend Verantwortung für Prozesse übernehmen, die über den eigenen Arbeits- und Fachbereich, ja sogar den Betrieb hinausgehen - und diese Prozesse sind zu einem erheblichen Teil nicht im Voraus planbar. SozialforscherInnen des ISF München, der Uni Augsburg und der sfs Dortmund haben in einer Reihe von Unternehmen Fähigkeiten untersucht, die zur Bewältigung des Unplanbaren geeignet sind: erfahrungsgeleitetes Handeln, exploratives Vorgehen, bildhaft-assoziatives Denken, vom Gespür geleitete sinnliche Wahrnehmung, Einfühlungsvermögen ... Und sie haben zusammen mit der GAB München Wege entworfen und ausprobiert, wie diese kaum lehrbaren Fähigkeiten dennoch lernbar gemacht werden können - vor allem im Prozess der Arbeit selbst. Ein neu erschienenes Buch fasst die Resultate zusammen. Das von Prof. Fritz Böhle, Nese Sevsay-Tegethoff (beide Uni Augsburg) und Dr. Sabine Pfeiffer (ISF München) herausgegebene, eben publizierte Buch "Die Bewältigung des Unplanbaren" gibt Antworten auf Fragen, die in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen haben:

- Wie kann es modernen Unternehmen gelingen, sich auf wirtschaftliche, technische, organisatorische, gesellschaftspolitische und individuell-menschliche Gegebenheiten einzustellen, die unter den Bedingungen von Globalisierung und Informatisierung kaum noch vorhersehbar und zu planen sind?

- Wie lassen sich Wissen und professionelle Handlungsfähigkeit vermitteln, die Menschen dazu befähigen, in kritischen Situationen kompetent zu reagieren und mit der Dynamik struktureller Veränderungen im ohnehin turbulenten betrieblichen Alltag Schritt zu halten?

- Gibt es alternative Formen des Personaleinsatzes, der Arbeitsorganisation und der Projektsteuerung, die es vor allem kleinen und mittleren Unternehmen erlauben, die besonderen berufsübergreifenden Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer Belegschaften zu erkennen, zu fördern und nachhaltig zu entwickeln?

Die Fragen wurden erforscht im Rahmen des Projekts NAKIF ("Neue Anforderungen an Kompetenzen erfahrungsgeleiteten Arbeitens und selbstgesteuerten Lernens bei industriellen Fachkräften"), gefördert vom BMBF und betreut vom Projektträger Produktion und Fertigungstechnologien (PFT), Forschungszentrum Karlsruhe. Die Untersuchungen fanden statt in Unternehmen aus der Automobilindustrie, der Chemischen Industrie, der Luft- und Raumfahrtindustrie, dem Maschinenbau, der Metallindustrie und dem Facility Engineering.

Um vier Teilbereiche des "erfahrungsgeleiteten Arbeitens" geht es: Kooperation und Kommunikation; Organisation betrieblicher Abläufe; prozessübergreifende, "verteilte" Arbeit; Kunden- und Service-Orientierung bei Tele-Service. Und in allen Bereichen haben die ForscherInnen des ISF München, der sfs Dortmund und der Uni Augsburg nicht nur Bestandsaufnahmen gemacht, sondern - teilweise in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung München (GAB) - auch konkrete Modelle für erfahrungsgeleitetes Lernen entwickelt.

Einige Schlaglichter: Dr. Annegret Bolte und Stefanie Porschen werfen Licht auf die verdeckten und unterschätzten Abstimmungserfordernisse, die beispielsweise zwischen Entwicklung und Fertigung auftreten und "in der Situation" bewältigt werden müssen. Claudia Munz, Hans G. Bauer und Rolf Lang-Koersgen entwickeln exemplarische Lernmodelle für die notwendige "erfahrungsgeleitete Kooperation". Jürgen Strauß und Dr. Wilfried Kruse rücken das "Organisieren von unten", das alltägliche organisatorische Handeln von Facharbeitern ins Blickfeld und zeigen mögliche Lernarrangements zur Nutzung und Förderung dieser Organisationskompetenzen. Pamela Meil, Dr. Eckhard Heidling und Dr. Helmuth Rose untersuchen die Anforderungen, die aus Projekten mit grenzüberschreitenden Arbeitsprozessen entstehen, und stellen die Möglichkeiten von Prozess-Simulationen und Prozess-Szenarien beim "prospektiven Erfahrungslernen" vor. Dr. Sabine Pfeiffer zeigt, welche Bedeutung erfahrungsgeleitetes Handeln in mediatisierten Servicebeziehungen (Tele-Service) hat - und erst recht bei der Einführung einer solchen weit reichenden Innovation. In Zusammenarbeit mit Eric Treske beschreibt sie, was neu entwickelte Spielarten des "Story Telling" beim Erwerb von Servicekompetenz erreichen können.

Prof. Fritz Böhle diskutiert einleitend Grundfragen der Unplanbarkeit in der Arbeitswelt und stellt das Modell des erfahrungsgeleiteten Handelns vor. Die Prinzipien des erfahrungsgeleiteten Lernens sind Thema eines Beitrags von Hans G. Bauer und Claudia Munz. Abschließend entwickelt Nese Sevsay-Tegethoff aus den vielfältigen Projektresultaten neue Perspektiven für die Diskussion um Kompetenzen und Weiterbildung, insbesondere um "Lernen im Prozess der Arbeit".

"Die Bewältigung des Unplanbaren" hat 350 Seiten, ist beim VS - Verlag für Sozialwissenschaften erschienen und über den Buchhandel zu beziehen.

Weitere Informationen zum Projekt und zur Publikation erhalten Sie jederzeit bei Frank Seiß, Lektorat und Öffentlichkeitsarbeit am ISF München, frank.seiss@isf-muenchen.de, Tel. 089/272921-78, Fax 089/272921-6

Das ISF München ist ein unabhängiges, seit 1965 bestehendes Sozialforschungsinstitut mit ca. 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und spielt eine führende Rolle auf den Gebieten der Arbeits- und Industriesoziologie.
Weitere Informationen: http://www.vs-verlag.de/index.php?do=show&site=w&book_id=8816&sid=3b5439cec1a157fa917949f6c03fc172 - Buchbeschreibung http://www.nakif.de - zum Projekt http://www.isf-muenchen.de/projekte/nakif_orga.html - zum Projekt http://fifserver.iai.fzk.de/pft/ - der Projektträger http://www.isf-muenchen.de http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/sozoek/boehle/home.htm http://www.sfs-dortmund.de http://www.gab-muenchen.de

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