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Gründe und Abgründe des Faschismus - Buch spiegelt Diskussion zur Wehrmachtsausstellung

15.11.2004 - (idw) Universität Dortmund

Wer Vergangenheit - wie es nach den Verbrechen der Nazizeit unausweichlich wurde - für die Zukunft bewältigen will, muss ihre Spuren bis in die Gegenwart verfolgen. "Faschismus in Texten und Medien: Gestern - Heute - Morgen?" ist der Titel eines Buches, das auf 14 wissenschaftlichen Vorträgen an der Universität Dortmund basiert. Sie geben eine facettenreiche Diskussion während der Wehrmachtsausstellung in der Revierstadt wider. Gründe und Abgründe des deutschen Faschismus wollte Prof. Dr. Peter Conrady im Herbst 2003 aufspüren, als er im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" im Fachbereich Kulturwissenschaften das Symposion zusammenstellte. Der Blick der Wissenschaftler sollte dabei nicht auf die Verbrechen des 2. Weltkriegs fixiert bleiben, sondern auch Fragen zum Hintergrund, zur Vorgeschichte und Vorgehensweise des Faschismus aufgreifen.

Das im Oberhausener Athena-Verlag als Band 16 der Reihe "Lesen und Medien" herausgegebene Buch hat aus der Vortragsreihe nun ein handliches Buch gemacht. Es hat 304 Seiten, ist in Broschur gebunden und kann unter ISBN 3-89896-189-3 für 24,50 Euro erworben werden.

Verdrängen - Weitermachen - Instrumentalisieren

In den Blick genommen wird zuerst das Aufkommen des nationalistischen Denkens mit einer Leseprobe aus Tilman Röhrigs Roman "Der Funke der Freiheit" über den Mord an Kotzebue. Die Historikerin Charlotte E. Haver fragt nach den ganz anderen, sehr eigenständigen Lebensentwürfen von Töchtern aus jüdischen Häusern des 19. Jahrhunderts. Als Sprachwissenschaftler weist Ludger Hoffmann auf den antisemitischen Einfluss Richard Wagners bis in die Nazizeit hin. Hans Grimms Roman "Volk ohne Raum" (1926) bietet für die Literaturwissenschaftlerin Ute Gerhard den Ausgangspunkt zur Analyse eines zentralen Kampfbegriffs der Nationalsozialisten. Der 79-jährige Schriftsteller und emeritierte Professor Winfried Pielow reflektiert in einem Tagebuch-Roman die 60 Jahre zurückliegende Kriegserfahrung des 19-jährigen Fähnrichs an der Ostfront.

Die Literaturwissenschaftler Rolf Parr und Peter Conrady schlagen in ihren Beiträgen Nachkriegsliteratur auf, die sich schon wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg sehr unterschiedlich mit der Wehrmacht und ihren Verbrechen auseinandersetzte: Während die Wehrmachtskritik in den Romanen von Erich Maria Remarque zensiert und im Film übertüncht wird, pflegen die in Serie produzierten "Landser-Hefte" noch heute deutsche Helden-Mythen.

Intensive literarische Auseinandersetzungen mit der Zeit des Nationalsozialismus belegt der Didaktiker Malte Dahrendorf mit einem Überblick über die Jugendliteratur der Nachkriegszeit. Journalistik-Professor Horst Pöttker stellt - unter anderem in Auseinandersetzung mit "Derrick"-Autor Herbert Reinicker - dar, wie die erwachsenen Generationen nach 1945 die NS-Vergangenheit auch auf ganz andere Weise zu bewältigen suchten, durch Verdrängung, heimliche Kontinuität und durch Instrumentalisierung.

Das konkrete Projekt der Kölner "Stolpersteine" ist für die Pädagogin Alexandra Flügel Ausgangspunkt, um "Erziehung nach und über Auschwitz" zu thematisieren. Der Medienwissenschaftler Stefan Meier beleuchtet in einem Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsausstellung die Schnittstellen und Verknüpfungen zwischen abstraktem Wissenschaftsdiskurs und individueller Erinnerung ehemaliger Wehrmachtsangehöriger. Jürgen Kramer, Experte für Anglistische Kulturwissenschaft, gibt vor dem Hintergrund des hierzulande neu erstarkenden Rechtsextremismus einen Einblick in die Entwicklung auf der Insel - auch dort finden sich Neonazis und eine Besorgnis erregende British National Party. Hajo Diekmannshenke hat die Links rechtsextremer Gruppen im Global Village des Internet verfolgt und über linguistische Beschreibungen hinaus ein großes Feld notwendiger Kommunikationsforschung entdeckt. Der Kunstlehrer Hans-Martin Dziersk analysiert im abschließenden Beitrag die Bild-Sprache des Militärs: Alexander der Große wie der kleine George W. Bush, es gibt viele Beispiele, wie der Mächtigen in militärischen Kontexten Worte und Bilder zu kombinieren wissen.


Neben einer knappen Zusammenfassung des Symposions durch Herausgeber Conrady findet sich auf den ersten Seiten des Buches auch eine Darstellung des damaligen Pressesprechers Klaus Commer zum Umgang der Universität und ihrer Wissenschaftler mit der Präsentation der Wehrmachtsausstellung in Dortmund.

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