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Hysterie: Eine vom Unterleib ausgehende Erkrankung

21.12.2004 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

"Die sind ja völlig hysterisch!" So sagt man, wenn 13-jährige Mädchen beim Konzert ihrer Lieblings-Boygroup kreischen, weinen, in Ohnmacht fallen. Hysterie - damit ist heute ein überzogenes, theatralisches Verhalten gemeint. Vor gut 100 Jahren stand dieser Ausdruck noch für eine ernsthafte Krankheit, und die Betroffenen - fast ausschließlich Frauen - wurden in Psychiatrischen Anstalten behandelt. Schon im 19. Jahrhundert galt eine hysterische Persönlichkeit als überzogen und theatralisch. Sie wurde aber außerdem noch als intrigant und boshaft eingeschätzt. "Psychosomatische Krankheitssymptome wurden noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein als Hysterie diagnostiziert", erklärt die Medizinhistorikerin Karen Nolte von der Uni Würzburg. "Die betroffenen Frauen waren zum Teil gelähmt, litten unter Krampfanfällen oder hatten Beschwerden wie Rücken-, Magen- oder Kopfschmerzen." Wenn die Ärzte bei einem solch diffusen Krankheitsbild keine organischen Ursachen feststellen konnten, kam es zur Diagnose "Hysterie".

Aber auch Männern wurde seinerzeit vereinzelt Hysterie attestiert. Die Patienten kamen in der Regel aus niederen sozialen Schichten, oft waren es Arbeiter, die schwere Unfälle erlitten hatten. "Heute würde man in solchen Fällen eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren", wie Karen Nolte sagt.

Mit der Hysterie hat sich die Medizinhistorikerin in ihrer Dissertation befasst. Erstmals überhaupt untersuchte sie unveröffentlichte Krankenakten über nervöse und hysterische Patientinnen aus der Zeit um 1900. Aus insgesamt 236 Akten der Landesheilanstalt Marburg/Lahn wählte Dr. Nolte Exemplare aus, um die Krankheits- und Lebensgeschichte einzelner Personen einer Fallanalyse zu unterziehen. Außerdem befasste sie sich mit den zeitgenössischen Vorstellungen, die in der psychiatrischen Praxis über die Hysterie herrschten.

Nach Karen Nolte kann davon ausgegangen werden, dass Diagnose und Therapie zwischen dem einweisenden Arzt, dem Anstaltspsychiater, Familienangehörigen und der Patientin ausgehandelt wurden. Für diesen Prozess war die Herkunft der Betroffenen entscheidend: "Stammten die Frauen aus unteren sozialen Schichten, sprachen sie oft selbst mit den Ärzten", so Nolte. Kamen sie dagegen aus höheren Klassen, dann waren es in der Regel Männer, die den Kontakt zum Arzt suchten, meist der Ehemann, Vater oder Bruder.

Welche Ansichten hatten die Marburger Anstaltspsychiater über die Hysterie? Die noch aus der Antike stammende Hysterielehre besagt, dass die Gebärmutter ein selbstständiges Wesen sei, das ein Eigenleben entwickeln und im Körper umherwandern könne. Je nachdem, wo sich dieses "Wesen" gerade im Organismus aufhält, sollte es verschiedene Symptome auslösen - mal Rückenschmerzen, mal Kopfweh, mal Bauchbeschwerden. Die Marburger Ärzte distanzierten sich einerseits von dieser Grundthese. "Andererseits aber findet sich in den Krankengeschichten weiterhin die Vorstellung, dass die Hysterie eine Erkrankung des Unterleibs sei", so Nolte.

Auch die betroffenen Frauen selbst schwankten zwischen diesen beiden Erklärungen. Sie führten ihre Beschwerden zum einen darauf zurück, dass ihre Nerven infolge einer Überanstrengung lädiert seien. Zum anderen machten aber auch sie den in seinen Funktionen gestörten Uterus für ihre Krankheit verantwortlich.

Über all das berichtete die Forscherin beim XXIV. Würzburger medizinhistorischen Kolloquium, das am 30. Oktober 2004 in Oppenheim am Rhein stattfand. Veranstalter waren die Würzburger medizinhistorische Gesellschaft, das Institut für Geschichte der Medizin der Uni Würzburg und die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Uni Mainz.

Zu den Referenten gehörte auch Professor Michael Stolberg, Vorstand des Würzburger medizinhistorischen Instituts. Er befasste sich mit dem Begriff des Klimakteriums im Wandel der Zeit. Die alte Lehre von den "Stufenjahren" ging davon aus, dass der menschliche Körper in jedem siebten Lebensjahr besonderen Veränderungen und Gefahren unterworfen sei, die sein Leben beenden oder aber eine neue, stabile Lebensphase einleiten konnten. Besonders das 63. Lebensjahr galt als todbringend und war, wie Stolberg klar machte, noch im 16. und 17. Jahrhundert selbst unter gebildeten Zeitgenossen gefürchtet.

Die entscheidende Bedeutungsverschiebung zum modernen Verständnis des Klimakteriums setzte dann im 19. Jahrhundert ein. Zunächst, so Stolberg, sei aus dem klimakterischen "Jahr" zunehmend eine kritische Lebensphase geworden, die sich über mehrere Jahre erstreckte und vor allem bei Männern durch diverse typische Krankheitserscheinungen geprägt war. Schließlich seien dann die unter Frauen und Ärzten verbreiteten Ängste vor dem altersbedingten Ende der "monatlichen Reinigung" der Frau in das Konzept eingeflossen. Das "Klimakterium" wurde so zu einer krankhaften, von vielen Beschwerden begleiteten Lebensphase vor allem der Frau. Diese Deutung sei durch die Sexualhormonlehre des frühen 20. Jahrhunderts dann lediglich nochmals modernisiert worden.

Vor den etwa 50 Teilnehmern sprach weiterhin Professor Gundolf Keil, emeritierter Medizinhistoriker von der Uni Würzburg. Sein Thema war "Die Würzburger medizinische Fachprosa des 13. bis 15. Jahrhunderts". Keil stellte zwölf Texte vor, darunter auch einige Neufunde, beispielsweise das "Würzburger chirurgische Rezeptar". Alle Vorträge des Symposiums sollen 2005 in Band 24 der "Würzburger medizinhistorischen Mitteilungen" veröffentlicht werden.


Weitere Referate behandelten unter anderem die Geschichte der posttraumatischen Belastungsstörung (Katharina Gladisch, Gernot Huppmann, Mainz) und geschlechtsspezifische Elemente in der Schilderung eigener und fremder Krankheiten in Patientenbriefen des frühen 19. Jahrhunderts (Bettina Brockmeyer, Kassel).

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