"Geschlossener Hof" und Erbgut: Einfluss der Tradition auf DNA sichtbar

12.12.2013 - (idw) Europäische Akademie Bozen - European Academy Bozen/Bolzano

Genstudie der EURAC mit neuen Erkenntnissen zur Geschichte der Volksgruppen in den italienischen Ostalpen

Das Erbgut des Menschen ist das Ergebnis seiner biologischen Evolution. Es ist aber auch beeinflusst durch geografische und kulturelle Faktoren, wie etwa Umwelteinflüsse und Heiratstraditionen. Das zeigt eine Studie des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman zusammen mit dem Fachbereich für Umweltbiologie der Universität La Sapienza in Rom, die die genetische Struktur der Volksgruppen der italienischen Ostalpen rekonstruiert hat. Die Forschungsergebnisse sind im wissenschaftlichen Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht worden. Koordiniert wurde die Forschergruppe von Valentina Coia, Anthropologin und Expertin für Populationsgenetik an der EURAC. Coia hat das Y-Chromosom von über 15 Volksgruppen analysiert. Und zwar von Volksgruppen, die zu den drei ethnolinguistischen Hauptgruppen der italienischen Ostalpen gehören: Italienischsprachige Gruppen, ladinischsprachige und deutsche Sprachminderheiten im Trentino (Zimbern in Lusern), in Venetien (Zimbern in Giazza und Fersentaler in Sappada) und in Friaul (in den Gemeinden Sauris und Timau). Die Studie untersuchte die genetische Verschiedenheit innerhalb der Sprachgruppen, zwischen den Gruppen und im Vergleich mit anderen europäischen Bevölkerungsgruppen. Darüber hinaus verglichen die Forscher die Untersuchungsergebnisse des Y-Chromosoms, das über die väterliche Linie weitergegeben wird, mit der mitochondrialen DNA, die mütterlicherseits weitergegeben wird. Wir haben Unterschiede beziehungsweise Ähnlichkeiten im Erbgut zwischen den verschiedenen Populationen untersucht. Der Mensch als Spezies ist in genetischer Hinsicht grundlegend homogen, also gleichartig. Dennoch gibt es bei den verschiedenen Volksgruppen feinste Unterschiede, die statistisch und wissenschaftlich erkennbar und signifikant sind und die sich über die Zeit aufgrund unterschiedlicher geografischer, demografischer und kultureller Faktoren entwickelt haben, erklärt Valentina Coia.

Genetische Unterschiede und demografische Geschichte

In der Untersuchung des Y-Chromosoms haben sich drei genetische Muster herauskristallisiert: das genetisch größtenteils homogene Muster der italienischsprachigen Gruppen, das leicht verschiedenartige genetische Muster der ladinischsprachigen Gruppen und das stark differenzierte Muster innerhalb der deutschen Sprachminderheiten. Diese Ergebnisse spiegeln die unterschiedliche demografische Geschichte der drei Sprachgruppen wider und ihre unterschiedlich starke Isolation aufgrund der Abgeschiedenheit im jeweiligen Berggebiet.
Die starke Homogenität der Gruppen innerhalb der italienischen Sprachgruppe kann auf ihre gemeinsame Herkunft zurückgeführt werden. Ein weiterer Grund für ihre genetische Ähnlichkeit ist ein reger genetischer Austausch, bedingt durch die hohe Mobilität der Gruppen zwischen den sieben untersuchten italienischsprachigen Tälern: Etschtal, Fersental, Fleimstal, Judikarien, Nonstal, Primörer Tal und Val di Sole. Weniger abgeschieden als die ladinischen Täler in den Dolomiten, förderte die Zugänglichkeit dieser sieben Täler den Austausch ihrer Bewohner. Die ladinischsprachigen Gruppen sind hingegen trotz der gemeinsamen Herkunft und der Zugehörigkeit zur selben Sprachgruppe in genetischer Hinsicht unterschiedlich. Die Ursache hierfür könnte in der geografisch bedingten Isolation voneinander sowie in der Abspaltung von den römischlateinischen und später den germanischen Sprachgruppen liegen.
Die deutschen Sprachinseln im Trentino und in Friaul unterscheiden sich sodann in ihrem genetischen Muster stark voneinander, was auf ihre unterschiedliche demografische Geschichte zurückzuführen ist. Erst im Mittelalter haben sie sich in den italienischen Ostalpen angesiedelt, von verschiedenen Kleingruppen oder auch einzelnen Familien unterschiedlicher Herkunft abstammend. Auch nach ihrer Ankunft haben sie die geografische und kulturelle Abgesondertheit beibehalten.

Genetische Unterschiede und kulturelle Traditionen

Die Forschergruppe hat außerdem die Ergebnisse des Y-Chromosoms, das väterlicherseits weitergegeben wird, mit der mütterlicherseits vererbten mitochondrialen DNA verglichen. Verglichen wurden Daten der drei alpinen Sprachgruppen, Daten von Populationen aus anderen europäischen Berggebieten und bereits veröffentlichte Daten deutschsprachiger Südtiroler. Aus dem Vergleich ging hervor, dass die deutschsprachige Südtiroler Gruppe in ihrem väterlicherseits vererbten genetischen Muster sehr homogen ist. Die mütterlicherseits weitergegebenen Muster zeigen sich hingegen als höchst unterschiedlich. Das Interessante an diesem genetischen Modell ist, dass es geradezu gegensätzlich ist zu dem, was wir bei den europäischen Populationen jene in Berggebieten eingeschlossen beobachten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist für uns die plausibelste Erklärung, dass dies auf die Südtiroler Tradition des geschlossenen Hofs zurückgeht, erklärt Valentina Coia. Nach der Tradition des geschlossenen Hofs hatte nur der Erstgeborene ein Recht auf die Erbfolge und die Übernahme des elterlichen Hofs. Alle weiteren Söhne hingegen waren gezwungen einer anderen Tätigkeit nachzugehen und verließen daher meist das Heimatdorf. Somit zogen hauptsächlich die Männer umher, was einen fortlaufenden genetischen Austausch zwischen den Tälern und innerhalb der Sprachgruppe zur Folge hatte. Durch das Umherziehen der Männer könnte sich über die Zeit eine genetische Homogenität im männlichen Erbgut innerhalb der gesamten Sprachgruppe gefestigt haben. In den meisten anderen europäischen Bevölkerungsgruppen waren es hingegen hauptsächlich die Frauen, die von Zuhause weggezogen sind, sagt Coia weiter und schließt: Eine solche Hypothese ist neu. Sie zeigt, welchen Einfluss Kultur und insbesondere soziale und gesellschaftliche Faktoren auf die genetische Struktur der Bevölkerungsgruppen und unserer DNA haben können. Weitere Informationen:http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0081704 - Publikation in PLOS ONE