Chemnitzer Tagung "Literature and the Media" geht in die zweite Runde

23.07.2004 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Am 3. und 4. Februar 2005 findet an der TU Chemnitz "Literature and the Media, Part II" statt - Impulse für neue Studiengänge im Bereich Literatur, Kultur und Medien als Ziel

"Literature and the Media" war der Titel einer Tagung, mit der die Professuren Anglistische Literaturwissenschaft (Prof. Dr. W. Huber) und Amerikanistik (Prof. Dr. E. Keitel) das zehnjährige Bestehen der Philosophischen Fakultät an der Technischen Universität Chemnitz begingen. Die Veranstaltung fand am 15. und 16. Januar 2004 im Alten Heizhaus der Universität statt. Die Themen reichten von der medialen Verwertung bekannter literarischer Texte (Gulliver's Travels) über neue Literaturformen wie Hypertext und graphic novel bis zum postmodernen Film (The Matrix) und zum Pop-Video (Robbie Williams). Diesem breiten Spektrum an Themen liegt ein erweiterter Textbegriff zugrunde, der in den Literatur- und Kulturwissenschaften inzwischen verbreitet ist und weit über das herkömmliche Verständnis von Text als Druckerzeugnis hinausweist. Als Vehikel für den Literaturtransport kamen für die Referenten folglich alle Medien in den Blick, und die Tagung konzentrierte sich überwiegend auf Grenzüberschreitungen zwischen einst als kanonisch geltenden literarischen Texten einerseits und der Populärkultur andererseits.

Medienvielfalt: Hörbuch, Comic, Hypertext

Daß die heutige Medienbetrachtung durchaus auf Inhalte aus dem 18. Jahrhundert stoßen kann, bewies Dr. Sabine Baltes am Beispiel des 1726 erschienen Romans Gulliver's Travels von Jonathan Swift. Swifts Figur des Gulliver und die Exzentrik der Erzählinhalte lassen sich durch etliche Medienwechsel verfolgen. Zahlreiche Neologismen gehen auf Swift zurück, ohne daß dies dem Anwender dieser "neuen" Wörter bewußt wäre. "Yahoo" oder "Lilliput" sind solche Schöpfungen, die heute über findiges Marketing in die passenden Medien geschleust werden.

Neuere mediale Entwicklungen zeigten sich in den Beiträgen von Dr. Marie-Luise Egbert und Prof. Peter Paul Schnierer (Heidelberg). Über den steilen Aufstieg des Hörbuchs berichtete Egbert; das Hörbuch mit seinen mündlich vorgetragenen Texten befindet sich auf dem Weg zu einer eigenständigen Literaturgattung. Schnierer referierte über die graphic novel, einer Form von Text, die mit visuellen Erzählmitteln operiert und Comics in Buchlänge schafft. Als einen Comic-Autor von literarischem Format stellte er Neil Gaiman mit seiner Sandman-Reihe vor.

Zum Medium Hypertext lieferte Prof. Dr. Annely Rothkegel eine Einführung in die Theorie vielschichtiger Textverknüpfungsmuster. Danach erläuterte Paul Friedemann (Heidelberg) anhand der erheblichen und noch anhaltenden Romanproduktion des Kultautors Terry Pratchett einen Schreibprozess, der einen postmodernen Mix der Genres verbindet mit schrillen Ideen, wissenschaftlichen Kommentaren und Hypertext.

Kino, Fernsehen, Video

Prof. Dr. Martin Middeke und Dr. Christoph Henke (beide Augsburg)präsentierten Szenen aus der Filmtrilogie The Matrix und thematisierten daran die Ästhetik der Postmoderne und das populäre, wenn auch nicht immer gelungene Arbeiten mit Versatzstücken aus säkularer Kultur und Religion.

Film bzw. Kino beschäftigten auch Prof. Dr. Evelyne Keitel und Manuela Müller. Keitel stellte filmische Adaptionen von Werken des amerikanischen Autors E. A. Poe (1809-1849) vor. Mit dem Markenzeichen der gruseligen Grausamkeiten hatte Poe 100 Jahre später den kongenialen Regisseur Alfred Hitchcock im Gefolge. In moderner Diktion heißt das entscheidende Element in Poes bzw. Hitchcocks Welt das "icon of horror". In Keitels Ausführungen bildete das "icon of horror" den roten Faden, und dieser spannte sich von den frühen Tagen des Stummfilms über drei Filmepochen. Die Chemnit-zer Doktorandin Manuela Müller gab Einblicke in das neue indianische Kino in den USA. Das Fazit ihrer Analyse: Eine Reihe von Ste-reotypen, darunter das des "edlen Wilden" wie das des Bösewichts, werden durch den indianischen Film neuerdings unterlaufen oder satirisch hinterfragt.

Telekommunikation bzw. Fernseh-Berichterstattung mit den Aus-wüchsen des Sensationsjournalismus sind Gegenstand eines Romans von John Irving: The Fourth Hand, über den Dr. Elke Kinkel referierte.

Film und Fernsehen waren überwiegend die Medien, über die die britische Kult-Comedy Monty Python's Flying Circus verbreitet wurde. Wie Prof. Dr. Werner Huber berichtete, schickte die Truppe in den frühen 1970er Jahren nicht weniger als 45 Fernsehfolgen über die Sendeanlagen der BBC, jene Institution, die selbst Ziel dieser Mediensatire wurde.

Gunter Süß stellte Robbie Williams als Pop-Ikone vor. Musik-Videos gelten in der Regel nicht mehr als Begleitung, sondern längst als integraler Bestandteil von Pop-Musik. In Gunter Süß' Analysen entschlüsselten sich die rasenden Folgen von Szenen der oft an Tabugrenzen rührenden Williams-Videoclips: verschiedene Bedeutungsschichten, u. a. Verweise auf britische Geschichte und Kultur, wurden deutlich, des weiteren die Konstruktion und Dekonstruktion von sexuellen Identitäten, Aussagen zu Drogenmißbrauch oder Religion.

Fazit

Die philologische Arbeit kommt heute nicht mehr um die populären Vermittlungsformen wie Film, Hörbuch oder Hypertext herum. "Lesen" bedeutet nicht mehr die Beschäftigung mit dem herkömmlichen literarischen Kanon allein, sondern meint darüber hinaus das Verstehen von Dokumenten, die durch ganz unterschiedliche Medien transportiert sein können.

Im kommenden Jahr soll die erfolgreiche Veranstaltung durch "Literature and the Media, Part II" fortgesetzt werden. Die Veranstalter erhoffen sich davon auch weitere Impulse für neue Studiengänge im Bereich Literatur/Kultur/Medien. Das Datum von Literature and the Media II: 3. bis 4. Februar 2005.

Autor: Dr. Hans-Joachim Hermes