"Sequenzierung als Bedingung des Wissenserwerbs mit computerpräsentierten Infografiken"

29.07.1998 - (idw) Universität der Bundeswehr München

Das Forschungsprojekt "Sequenzierung als Bedingung des Wissenserwerbs mit computerpräsentierten Infografiken" wurde von Prof. Dr. Bernd Weidenmann vom Institut für Psychologie und Erziehungswissenschaft der Fakultät für Pädagogik an der Universität der Bundeswehr München durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgesellschaft finanziert. Die Studie brachte folgendes Ergebnis:

Das o.g. Forschungsprojekt untersuchte die Strukturierung eines besonderen Typs von verbal-piktoralem Lernmaterial, den sogenannten "Infografiken". Diese können als "erklärende Visualisierung" beschrieben werden, die in sich abgeschlossene Erklärungseinheiten bilden. Infografiken zeichnen sich durch eine starke Verschränkung von Text und Bild aus, wobei der Text in die grafischen Teile eingebettet wird und umgekehrt. Sie stellen besonders hohe Anforderungen an die Fertigkeit der Rezipienten, visuelle Botschaften zu verarbeiten und zutreffend zu interpretieren.

Aus der Sicht der Instruktion stellt sich die Frage, wie die Rezeption dieses Grafiktypus durch eine entsprechende Strukturierung und Sequenzierung unterstützt werden kann. Insbesondere durch den Computer eröffnen sich hier neue Möglichkeiten der Darstellung. Zur Durchführung der unten beschriebenen Untersuchungen wurde daher ein computergestützes Lernprogramm entwickelt, das die Probanden durch den Versuch führt.

Die Frage der Strukturierung und Sequenzierung von Infografiken wurde aus zwei Perspektiven untersucht. Zum einen wurden in einer explorativen Studie Rezepienten zu ihrer favorisierten Darstellung befragt (Wie würden Sie diese Grafik darstellen, um sie anderen zu erklären?). U.a. ging es um die Frage, ob es interindividuelle Übereinstimmungen für bestimmte Sequenzierungen gibt. Die Ergebnisse zeigen, daß bei der Erklärung von Infografiken bestimmte Sequenzierungsmuster bevorzugt werden, z.B. eine Abfolge, die sich am sachlogischen Aufbau orientiert. Die Erklärungsmuster der Probanden orientieren sich häufig an Vorgehensweisen, die man auch in didaktischen Modellen findet.

Zum anderen wurde in zwei weiteren Untersuchungen aus der Sicht der Instruktion geprüft, ob bestimmte Sequenzierungen und Strukturierungen die Rezeption unterstützen und wie diese von den Rezipienten beurteilt werden. In den beiden Untersuchungen wurden drei Arten der Strukturierung und Sequenzierung verglichen:
1. eine absteigende Sequenzierung vom Ganzen zu Teilen, welche die Integration von Details in den Gesamtzusammenhang zeigt,
2. eine aufsteigende Sequenzierung von Teilen zum Ganzen und
3. die Darstellung als Standbild.

Während in der ersten Untersuchung die Lernzeit für die drei Präsentationsarten vorgegeben wurde, konnten in der zweiten Untersuchung die Probanden die Lernzeit selbst bestimmen.

Die Ergebnisse der beiden letztgenannten Untersuchungen zeigen stabile Präferenzen der Probanden für Präsentationsart 1, jedoch unterschiedliche Lernergebnisse für die Präsentationsarten. Den statistischen Analysen zufolge lassen sich diese Unterschiede ausschließlich auf die Lernzeit zurückführen. Wird die Lernzeit nicht vorgegeben, nehmen sich die Probanden jedoch nur bei Präsentationsart 1. Tatsächlich auch mehr Zeit.

Die Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß die Präsentationsart zwar weniger wichtig ist als die Zeit, die man sich für die Beschäftigung mit der Grafik nimmt, daß aber nur bei bestimmten Präsentationsarten die Lernenden sich tatsächlich Zeit nehmen. Und - last not least - daß Lernende eindeutige und stabile Präferenzen für bestimmte Präsentationsarten haben, in diesem Fall für die absteigende Sequenzierung vom Ganzen zu Teilen.

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt und den Ergebnissen erhalten Sie bei Prof. Dr. Bernd Weidenmann, Tel.: 089 / 60 04 - 26 66, Fax: 089 / 60 04 - 28 41.


Mit freundlichen Grüßen

Norbert Hörpel
Oberstleutnant