Internationale Fachtagung zur Geschichte der Wissenschaften im 20. Jahrhundert

24.05.2000 - (idw) Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

"Es schmerzt, sich der eigenen Geschichte im Dritten Reich zu stellen, und es fällt schwer, damit zu beginnen. Aber die DFG hat den Anfang gemacht, und sie wird den begonnenen Weg weitergehen." Mit diesen Worten eröffnete der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Professor Ernst-Ludwig Winnacker, eine internationale Fachtagung zum Thema "Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Interaktionen, Kontinuitäten und Bruchzonen vom späten Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik/DDR", die vom 18. bis 20. Mai 2000 im Berliner Harnack-Haus stattfand. Diese Tagung, konzipiert und vorbereitet vom Berliner Wissenschaftshistoriker Rüdiger vom Bruch von der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft, widmete sich in insgesamt vier Sektionen der Entwicklung der Wissenschaften und ihrem Verhältnis zur Politik im Zeitraum von 1910 - 1960. Die einzelnen Sektionen, die jeweils einen halben Tag in Anspruch nahmen, standen unter den Titeln:
1. Spätes Kaiserreich und Übergang zur Weimarer Republik
2. Weimarer Republik und Übergang zum Nationalsozialismus
3. Unter dem Nationalsozialismus
4. Nachkriegszeit, frühe Bundesrepublik und DDR

Wiederkehrende Fragen waren die nach den Vernetzungen zwischen Wissenschaft und Politik, wie es der in Wien lehrende amerikanische Historiker Mitchell G. Ash ausdrückte, nach den Bedingungen einer nationalen Innovationskultur in Deutschland, die der Münchner Wissenschaftshistoriker Ulrich Wengenroth erörterte, die Frage nach einem Strukturwandel des Wissenschaftssystems, die der Frankfurter Historiker Notker Hammerstein für die NS-Zeit behandelte, sowie die Frage nach der ethischen Verantwortung der Wissenschaft, die sich durch die Untersuchung der wissenschaftlichen Produktion in den einzelnen Fächern wie der Physik, der Biologie und der Medizin beantworten lassen wird.

Die Tagung war mit rund 130 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Österreich und Deutschland, überwiegend Historikern, aber auch Soziologen, Philosophen und Medizinern, hochkarätig besetzt. Der Ort der Konferenz, das Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft, sei - so DFG-Präsident Winnacker - auch im Sinne dieses Themas ein Zeichen für die Verbundenheit der beiden Organisationen. Die Aufarbeitung der Geschichte der Wissenschaften in Deutschland müsse als gemeinsame Aufgabe angegangen werden.

Es ist geplant, entlang den Linien der Konferenz ein neues Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzurichten, das sich unter möglichst vielen Blickwinkeln mit der Geschichte der Wissenschaften in Deutschland von ca. 1910 bis in die Nachkriegszeit, auch unter international vergleichender Perspektive auseinandersetzt. In der Frühjahrssitzung des Senats vor wenigen Wochen wurde bereits ein Schwerpunktprogramm zur Bevölkerungsforschung eingerichtet, die für die Politik des Nationalsozialismus von strategischer Bedeutung war.

Des Weiteren ist vorgesehen, Arbeitsgruppen einzurichten, die zunächst einmal alle für die DFG relevanten Aktenbestände im Zeitraum von 1920 bis 1960 aufarbeiten sollen. "Wir müssen die Rolle, die die DFG in der Wissenschaft des Dritten Reiches gespielt hat, noch weiter aufklären, ihre Beziehungen zu den Institutionen des Staates, ihr Zusammenwirken mit den Hochschulen und die vielfältigen Verbindungen zu den Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen" so Winnacker. Ihm liege sehr viel daran, dass die DFG mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte nicht an der Grenze von 1945 stehen bleibe, führte der DFG-Präsident weiter aus. Schon jetzt stehe fest, dass es wesentlich mehr Kontinuitäten gebe, als bislang eingestanden.

Bereits im Frühjahr 1999 hatte die DFG mit dem Buch von Notker Hammerstein unter dem Titel "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich" für diese Aufarbeitung erste Grundlagen gelegt.

Die Vorträge der Berliner Konferenz werden dokumentiert und voraussichtlich im Frühjahr des kommenden Jahres publiziert.

Nähere Informationen: Prof. Dr. Rüdiger vom Bruch, Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin , Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Tel.: 030/2093-2870, e-mail: vomBruchR@geschichte.hu-berlin.de und Dr. Guido Lammers, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Kennedyallee 40, 53175 Bonn, Tel.: 0228 / 885-2295, e-mail: Guido.Lammers@dfg.de