Die Neurowissenschaften am Beginn des neuen Jahrhunderts

05.06.2001 - (idw) Georg-August-Universität Göttingen

- Die 28. Göttinger Neurobiologentagung -
7. - 10. Juni 2001

(pug) Die Göttinger Neurobiologentagungen, die seit 1973 am Wochenende nach Pfingsten stattfinden, gehen auf eine Anregung des Zoologen Prof. Dr. Ernst Florey (1927 - 1997) und des Mediziners Prof. Dr. Otto Creutzfeldt (1927 - 1992) zurück. Deren Überlegung war, für Biologen und Mediziner ein gemeinsames Forum zu schaffen, auf dem die Forschung am Gehirn und den Sinnesorganen von Mensch und Tier über die Fachgrenzen hinweg dargestellt und diskutiert werden kann.
Unter dem Motto "Die Neurowissenschaften an der Schwelle des neuen Jahrhunderts" ("The Neurosciences at the Turn of the Century") versucht das Programm der diesjährigen Tagung eine Bestandsaufnahme. Es wird ein weiter Bogen über das Gesamtgebiet der heutigen Neurowissenschaften geschlagen, was am deutlichsten in der Auswahl der 26 Symposien und der acht Hauptvorträge zum Ausdruck kommt. Das Spektrum der Symposien reicht von Themen wie der Neuroplasizität und Fragen nach den cerebralen Verarbeitungsmechanismen der von Ohren oder Augen kommenden Sinnesmeldungen über Probleme des alternden Gehirns bis hin zu Konzepten der Raumorientierung und Fragen nach der Physiologie von Rauschdrogen. Themen wie die Frage nach der Ähnlichkeit von Nervensystemen und Computern werden ebenso behandelt wie die molekularen Mechanismen der Informationsübertragung von einer Nervenzelle zur nächsten.
Dem Geschehen an diesen Schaltstellen ist auch der Hauptvortrag von Tobias Bonhoeffer (Martinsried) gewidmet, wobei es hier vor allem um die strukturelle Plastizität geht. Die Ernst-Florey-Vorlesung, die den Auftakt bildet, wurde kurzfristig von Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung (Frankfurt) übernommen und beschäftigt sich mit der "Gestalterkennung im Gehirn". (Fernando Nottebohm (New York), der ursprünglich über die neuronale Reorganisationsfähigkeit des erwachsenen Gehirns sprechen wollte, hat seinen Besuch kurzfristig absagen müssen.) Ähnlich bedeutsam wird die Otto-Creutzfeldt-Vorlesung sein, in der sich Michael Merzenich (San Francisco) mit der Plastizität des Gehirns während des Lernens beschäftigt. Intrazellulären molekularen Mechanismen hingegen ist die Roger-Eckert-Vorlesung gewidmet, die in diesem Jahr David Clapham (Boston) halten wird. Von besonderem klinischen Interesse dürfte der Hauptvortrag von Thomas Jentsch (Hamburg) sein, der sich mit Erkrankungen des Gehörsinns aufgrund von Mutationen bestimmter Ionenkanäle beschäftigt.
Tagungsort der Göttinger Neurobiologentagungen war bis 1981 das Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Wegen der stetig wachsenden Teilnehmerzahlen wurde 1982 der Umzug in die Georg-August-Universität Göttingen erforderlich. Seit dieser Zeit trägt die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Norbert Elsner (Abteilung Neurobiologie des Zoologischen Institutes) die alleinige Verantwortung für Finanzierung, technische Organisation und Edition der Programmhefte und Tagungsbände. Trotz außerordentlich niedriger Tagungsgebühren, für das wissenschaftliche Programm zahlen Studenten nur 55 DM und alle übrigen bei rechtzeitiger Anmeldung 95 DM, kommt die Tagung ohne öffentliche Zuschüsse aus. Die Tagung findet im Zentralen Hörsaalgebäude im Geisteswissenschaftlichen Zentrum (GWZ) der Universität statt.
Es war und ist ein Ziel der Organisatoren, die Göttinger Tagung für Beiträge aus allen Richtungen neurobiologischer Forschung offen zu halten. Dieses Konzept hat im Laufe der Jahre großen Anklang gefunden: Nahmen 1973 etwa 120 Neurobiologen teil, so waren es in den letzten Jahren stets etwa 1.200 bis 1.400. Mehr als 40% davon sind Doktoranden und Diplomanden. In den siebziger Jahren waren anfangs jeweils 25, später bis zu 75 Poster gezeigt worden, 1999 waren fast 900 Poster zu sehen und bei der diesjährigen 28. Göttinger Neurobiologentagung werden es mehr als 1000 sein. Dementsprechend weit gespannt ist der thematische Bogen: Das Spektrum der Beiträge reicht von verhaltensbiologischen und organismischen bis hin zu zellbiologischen und molekularen Ansätzen.
Um das Programm nicht in dieser - an sich durchaus erwünschten - Breite zerfließen zu lassen, werden durch acht Hauptvorträge bestimmte Schwerpunkte gesetzt. Zwei davon sind dem Gedenken an Otto Creutzfeldt und Ernst Florey, ein weiterer - auf Anregung von Erwin Neher - dem molekularen Neurobiologen Roger Eckert gewidmet. Die Posterbeiträge und die Hauptvorträge werden seit 1990 durch Satelliten-Symposien mit verschiedenen Spezialthemen ergänzt. 1991 fanden drei derartige Zusatzveranstaltungen statt, in diesem Jahr werden es 26 sein. Die Kongreßsprache ist seit Ende der 80er Jahre durchgängig Englisch.
Bei aller Bedeutung dieser von international anerkannten Kapazitäten gehaltenen Übersichtsvorträge sei aber zum Schluß auf die Wichtigkeit der mehr als 1.000 Posterbeiträge hingewiesen, die vornehmlich von den zahlreichen Nachwuchswissenschaftlern - viele davon sind Doktoranden und junge Assistenten - vorgestellt werden. Hier liegt das Zukunftspotential der Wissenschaft, und dieses gilt es zu fördern.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Norbert Elsner
Abteilung Neurobiologie des Zoologischen Instituts
der Universität Göttingen
0551/ 39-5401, Fax: 0551/ 39-2262
E-Mail: nelsner@gwdg.de